Keiner lebt für sich allein

“Hallo zusammen. Hier spricht Hannah Baker. Live und in Stereo. Keine Wiederkehr. Keine Zugabe. Und diesmal auch absolut keine Forderungen. Ich hoffe, ihr seid bereit, denn ich will euch die Geschichte meines Lebens erzählen. Genauer gesagt, warum mein Leben ein Ende fand. Und wenn ihr diese Kassetten hört, dann seid ihr einer der Gründe dafür.” (Quelle: Asher, Jay: Tote Mädchen lügen nicht, cbt 2009.

Mit diesen Worten beginnen die Audioaufnahmen des jungen Mädchens, die sich ihr Leben nahm. Sie sind ein Vermächtnis und zugleich führen sie dem Leser aber auch die Konsequenzen eigenen Handelns vor Augen. Einzelne Ereignisse und vielleicht auch Zufälle führten in ihrem Zusammenwirken zu dem einen Endergebnis: Hannah Bakers Tod. “Tote Mädchen lügen nicht” ist ihr Geschichte.

Fast 300 Seiten lang begleitet der Leser den jungen Clay, der ein Paket mit Hannahs Kassetten vor seiner Tür findet. Das Mädchen kennt er aus der Schule. Doch es verbindet ihn mehr mit ihr: Er war in sie verliebt. Voller Unglaube hört er ihre Worte. Er soll Schuld an ihrem Tod sein? Ein Grund für ihren Selbstmord? Er, der sie kaum kannte und sich doch mehr erwünscht hat? Aufgewühlt und von Erinnerungen übermannt kämpft sich Clay durch ihre Geschichte. Ängsterfüllt fiebert er dem Augenblick entgegen, an dem sich seine Rolle offenbaren wird.

Jay Ashers Roman ist ein Wechselspiel aus Hannahs Geschichte und Clays Emotionen. Gekonnt verflechten sich Vergangenheit, Erinnerung und Gegenwart. Parallel zu den Worten vom Band fokussiert die Autorin immer wieder Clays Reaktionen und Gefühle. Er kommentiert und bringt neue Informationen in die Geschichte ein. So erfährt der Leser nicht nur Hannahs Geschichte, sondern erlebt sie hautnah. Dieser Roman geht unter die Haut, auch wenn Clays Gefühlsbekundungen manchmal ein wenig oberflächlich erscheinen mögen.

Rundum bietet “Tote Mädchen lügen nicht” spannende Unterhaltung mit Tiefgang. Jede Kassettenseite bildet nicht nur ein eigenes Kapitel, sondern befasst sich auch gezielt mit einer Person, die Anteil an Hannahs Tod hat. So ergibt sich schließlich ein gut durchdachtes Bild von einzelnen Verkettungen, die gesondert betrachtet teilweise unbedacht erscheinen mögen. Doch in ihrer Konzentration, in ihrem Wechselspiel Konsquenzen fordern. Denn egal was du tust, bedenke, dass deine Entscheidungen und Handlungen sich auch auf das Leben deiner Mitmenschen auswirken!

Eben mit dieser Idee befasst sich auch Mark Watson in seinem Roman “Elf Leben“. Einzelne Ereignisse verflechten sich zu einer Kette aus Konsequenzen, deren Ende nicht absehbar ist. Unbedachtes Handeln oder gar Nichthandeln wird in seinen Ausiwkrungen offengelegt, führt dem Leser vor Augen, dass er nicht für sich allein leben kann.

Im Mittelpunkt des Romans steht Xavier Ireland, ein Londoner Radiomoderator Anfang 30. In seiner nächtlichen Show lauscht er den Geschichten seiner Zuhörer und steht ihn stehts mit einem guten Rat zur Seite. Dabei lastet ein großer Schatten auf seinem Leben. Seine Heimat Australien hat er verlassen, sein altes Leben und auch seinen Namen zurücklassend. Doch was ist damals passiert?

“Elf Leben” ist nicht nur Xaviers Geschichte, sondern ein tiefer Einblick in das Leben elf unterschiedlicher Menschen. Haben ihre Geschichten auch zunächst nichts gemein, offenbart der Autor im Verlauf des Romans zahlreiche Schnittstellen. Konsequenzen, dass ist auch in Watsons Buch das große Thema, dass die Geschichte vorantreibt, sie mit Inhalt füllt und den Leser zum Nachdenken auffordert. Die Charaktere mögen sich nicht kennen, doch in ihrem Handeln nehmen sie Einfluss auf das Leben des anderen.

Mit Charme und Witz gestaltet der Autor seinen Roman. Aber auch tiefgründig befasst er sich mit seinen Charakteren. Xavier, der von seiner Vergangenheit gezeichnet, zu einem teilnahmslosen Zuschauer des Lebens verkommen zu scheint. Angst, Not, Hoffnung und Liebe, aber auch menschliche Fehler, das sind die Themen des Romans. In den Figuren spiegelt sich unser alltägliches Leben. Mit einer einnehmenden Leichtigkeit verführt der Roman zum Lesen, macht auch den Leser zu einem Beobachter der Geschehnisse. Scheinbar ganz nebenbei gelingt es Watson tiefe Emotionen darzustellen, seinen Charateren Leben einzuhauchen.

“Elf Leben” und “Tote Mädchen lügen nicht” sind 2 Romane, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Dabei ist ihnen ihre zentrale Grundidee gemein: Keiner lebt für sich allein, denn unser Handeln kann stehts auch Konsequenzen für unsere Mitmenschen haben. Zwar ist das Thema sicherlich nicht neu in der Literatur, aber von beiden Autoren spannend und durchaus lesenswert umgesetzt. Ich bin begeistert!



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